- Yannick Rosenberger
- 28.10.2026
Mental Coach Yannick Rosenberger erklärt, wie du mit dem Erwartungsdruck umgehst
Den Score kannst du nicht kontrollieren, den einzelnen Schlag auch nicht zu 100 Prozent. Aber du kannst entscheiden, woran du deine Runde misst.
Thomas spielt Handicap 22. Unter der Woche hat er auf der Range fast alles getroffen, seine letzte Runde war eine 91. Als er am Samstagmorgen zum ersten Abschlag geht, steht das Ziel fest:
Heute soll es endlich eine Runde unter 90 werden.
Loch 1 ist ein Doppelbogey, kein Drama. An Loch 3 geht der Abschlag ins Aus, Triplebogey. Ab diesem Moment fängt Thomas an zu rechnen: Wenn ich die nächsten drei Löcher Par spiele, bin ich wieder im Plan. Jeder Schlag wird zur Prüfung, jeder Fehler zur Bestätigung, dass es heute wieder nichts wird. Am Ende steht eine 104 auf der Karte. Sein Schwung war an diesem Tag nicht schlechter als auf der Range. Thomas hat nur 18 Löcher lang gegen eine Zahl gespielt statt gegen den Platz.
Was eine Erwartung mit deinem Kopf macht
Eine Erwartung ist ein Ergebnis, das du dir vor der Runde selbst versprichst. Von da an misst du jeden Schlag daran. Läuft es besser als geplant, kommt die Angst, den guten Score noch zu verlieren. Läuft es schlechter, kommt der Druck, aufholen zu müssen.
In beiden Fällen bist du gedanklich überall, nur nicht beim nächsten Schlag: beim Score, beim letzten Fehler, bei deiner Lage. Das Problem ist nicht, dass du gut spielen willst. Das will jeder. Das Problem ist, dass du dich an etwas festhältst, das du nicht beeinflussen kannst.
Was du auf dem Platz beeinflussen kannst und was nicht
Zwei Dinge kannst du auf dem Golfplatz nicht beeinflussen: das Ergebnis und den Schlag selbst. Zumindest nicht zu 100 Prozent, sonst würdest du ja jeden Ball perfekt treffen. Beeinflussen kannst du dagegen, wie du dich vorbereitest, worauf du dich konzentrierst, wie du auf Fehler reagierst und was du zwischen den Schlägen mit deinem Kopf machst. Genau hier setzen gute Ziele an.
Ziele statt Erwartungen
Mein Ansatz: Setz dir vor jeder Runde ganz bewusst Ziele, auf die du selbst direkten Einfluss hast. Sie holen dich weg vom Erwartungsdruck, vom Rechnen und vom letzten Schlag, und sie geben dir auf der Runde eine Aufgabe. Hier eine Auswahl:
Deine Routine 18 Löcher lang durchziehen. Jeder Schlag bekommt dieselbe Vorbereitung, egal ob erster Abschlag oder Putt zum Bestscore.
Schlag für Schlag denken. Der Golfschlag hat keine Vergangenheit und keine Zukunft. Egal, was hinter dir liegt: Der Schlag vor dir ist derselbe wie auf der Range. Wir machen ihn nur emotional wichtiger, als er ist.
Akzeptanz. Nimm dir vor, jede Situation, jeden Schlag und jedes Ergebnis so anzunehmen, wie es ist. Ein Ball im Divot ist ärgerlich, aber er ist jetzt die Situation, mit der du arbeitest.
Spaß haben. Klingt banal, ist es aber nicht. Mach dir bewusst, was dir am Golf auch ohne gutes Ergebnis Spaß macht, und rück genau das in den Vordergrund.
Positive Körpersprache. Lauf mit aufrechter Haltung und entspanntem Gesicht über den Platz, auch nach einem schlechten Schlag. Dein Körper muss nicht auf jedes Ergebnis reagieren.
Zwischen den Schlägen abschalten. Tiger Woods hat sinngemäß gesagt, dass zwischen den Schlägen nicht über Golf gesprochen wird. Es ist schlicht zu anstrengend, sich auf dem Weg zum Ball mit Gefahren, Erwartungen und vergangenen Schlägen zu beschäftigen. Konzentriert wird erst wieder am Ball.
So nimmst du deine Ziele mit auf die Runde
Such dir für jede Runde zwei oder drei dieser Ziele aus, und zwar vorher, nicht erst, wenn es schon schiefläuft. Wer schnell ins Rechnen kommt, startet zum Beispiel mit „Schlag für Schlag“. Wer sich nach Fehlern lange ärgert, nimmt sich Akzeptanz und Körpersprache vor.
Dann nimmst du deine Scorekarte und machst einen Kreis um jedes dritte Loch: Loch 3, 6, 9, 12 und 15. Immer wenn du an einem dieser Löcher deinen Score einträgst, siehst du den Kreis. Das ist dein Signal, kurz zu reflektieren: Wie gut habe ich meine Ziele auf den letzten drei Löchern umgesetzt?
Dabei ist es völlig egal, zu welchem Ergebnis du kommst. Es geht nicht darum, dich zu bewerten. Das einzige Ziel ist, auf den nächsten drei Löchern wieder vollen Fokus auf deine Ziele zu legen. So holst du dich fünfmal pro Runde zurück, bevor die Gedanken zu weit abschweifen
Ein Testlauf für die nächste Runde
Frag dich vor deiner nächsten Runde ehrlich: Welche Zahl habe ich heute im Kopf? Gib sie dir selbst gegenüber zu und leg sie dann bewusst zur Seite. Schreib deine zwei oder drei Ziele oben auf die Scorekarte, kreis die Löcher ein und spiel los. Du wirst merken, wie viel ruhiger sich eine Runde anfühlt, wenn du dich auf deine Ziele konzentrierst und nicht auf den Score, den du dir vorher ausgemalt hast.
Der Score kommt hinterher
Thomas hätte an diesem Samstag vielleicht trotzdem nicht unter 90 gespielt. Aber er hätte nach dem Triplebogey etwas anderes zu tun gehabt, als zu rechnen. Gute Ergebnisse sind fast immer die Folge von Dingen, die du beeinflussen kannst.
Deinen Score schaust du dir deshalb am Ende der Runde an und nicht nach jedem Loch. Bis dahin hast du genug zu tun: zwei oder drei Ziele, fünf Kreise auf der Scorekarte und immer nur den nächsten Schlag. So schaffst du bessere Voraussetzungen dafür, das, was du auf der Range kannst, auch auf den Platz zu bringen.